BESCHLEUNIGER-TAG 2025: Mehr Tempo ist möglich
Nicht das Sammeln von Problemen, sondern das Teilen konkreter Lösungswege stand im Mittelpunkt des Beschleunigertages im Rahmen des Paktes für Planungsbeschleunigung. Mehr als 60 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung diskutierten über innovative Ansätze, um Planungs- und Genehmigungsverfahren spürbar zu verkürzen: von mutigen kommunalen Ansiedlungsstrategien über serielles Bauen bis hin zu KI-gestützter Verwaltung, Bürgerbeteiligung und digitaler Genehmigungsfähigkeit. Ein Streifzug durch die Welt des Möglichen.
"Mutig sein und machen"
"364 Tage vom Erstkontakt bis zum Spatenstich": Dieses Tempo hat Jülich in seinem Brainenergy-Park vorgelegt. Bürgermeister Axel Fuchs schilderte die Ansiedlung von Quanta Computer aus Taiwan. Eine Delegation hatte in Jülich ein Grundstück angefragt. Ihre deutsche Tochter, die QCG Computer GmbH, wollte dort elektronische Anlagen für Fahrzeughersteller produzieren, insbesondere im Bereich autonomes Fahren. In der ersten Ausbauphase sollten 700 Arbeitsplätze entstehen, insgesamt sind bis zu 1000 geplant.
Im Jahr 2015 hatten sich die Städte Jülich, Titz und Niederzier gemeinsam für die Entwicklung eines gemeinsamen Gewerbegebietes entschieden. Für die Ausrichtung des Parks sei ein Rat des damaligen Rektors der FH Aachen entscheidend gewesen, berichtete Fuchs. "Er sagte uns: Entwickelt hier kein einfaches Gewerbegebiet. Ihr habt das Forschungszentrum Jülich, habt die FH Aachen, das DLR und die Nähe zur RWTH Aachen. Kümmert euch um die Themen, die wirklich wichtig sind und zu den wissenschaftlichen Schwerpunkten dieser Region passen." Die Städte prüften daher in einer Machbarkeitsstudie, bei diesem Gewerbegebiet den Schwerpunkt auf erneuerbare Energien zu setzen. Genau das zahlte sich bei der Quanta-Anfrage aus. Fuchs: "Quanta hat sich für Jülich wegen der Forschungslandschaft und der nachhaltigen Energieversorgung u.a. durch die Wasserstoff-Elektrolyseanlage entschieden."
- Diskutierten über Möglichkeiten zur Beschleunigung für Prozessoptimierung (v.l.): Moderator Bernd Steinbrecher mit Guido Müller, BFT Sachverständige GmbH, Andreas Huppertz, nesseler bau GmbH, Norbert Zimmerman, Kempen Krause Ingenieure GmbH, Martin Klingst, Initiative für einen handlungsfähigen Staat, Alana Voigt, Gütegemeinschaft Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltungen e. V. und Axel Fuchs, Bürgermeister der Stadt Jülich.
Für den schnellen Erfolg waren laut Fuchs vier Faktoren entscheidend: "Sie brauchen für so etwas eine verfügbare Fläche, bestehendes Planungsrecht, eine Story und eine Verwaltung, die versteht, worum es da geht." Zudem sei entscheidend: "Sie müssen Ihrem Gegenüber sagen, dass Sie das wollen und das machen. Wir dürfen nicht immer nur auf die Probleme blicken, wir müssen mutig sein und machen." Es hat sich gelohnt. Mittlerweile haben sich in dem Park bereits zehn Firmen niedergelassen und zwei weitere Unternehmen bauen dort gerade.
Eine Brücke in zehn Wochen
Von Aachen bis zum Tagungsort des Beschleunigertages in Erkelenz sind es rund 50 km. Allein auf dieser Strecke zählte Andreas Huppertz zehn Baustellen sowie 21 Brücken mit Sanierungsbedarf. Für so etwas hat Huppertz ein Auge. Er leitet n.Brücke, das Brückengeschäft der nesseler-Gruppe. "In den nächsten zehn Jahren müssten in Deutschland jedes Jahr rund 120 Brücken erneuert werden", sagte Huppertz. Angesichts der Geschwindigkeit von Planungs- und Genehmigungsprozessen sowie der Dauer der Baumaßnahmen sei es unrealistisch, dass das gelingen könne.
Die nesseler-Gruppe hat deswegen ein Konzept für serielles Bauen entwickelt. "70 bis 80 Prozent unserer Brücken werden im Werk vorproduziert. Dadurch können die Brücken deutlich schneller errichtet werden. Das reduziert die Belastungen für den Verkehr signifikant", sagte Huppertz. Er erläuterte es am Beispiel einer Brücke in Kalkar. Das bestehende Bauwerk wurde an einem Wochenende abgerissen, dafür musste die Straße gesperrt werden. An einem weiteren Wochenende mit Sperrung wurden die im Werk vorbereiteten Bauteile montiert: eine Brücke über 30 Meter Länge und 6 Meter Breite. "Nach dem Wochenende war die Brücke zu rund 70 Prozent fertig. Nach zwei weiteren Wochen war die Konstruktion komplett fertiggestellt." Insgesamt war die Brücke nach zehn Wochen fertiggestellt, in konventioneller Bauweise benötige man dafür zehn Monate. Das hohe Tempo bringt laut Huppertz viele Vorteile: "Es werden weniger Umleitungen nötig, was CO2 einspart. Gewerbetreibende und Logistiker profitieren davon, da sie keine Fahrtzeit durch längere Umleitungen und Staus verlieren."
Hinderlich für die Geschwindigkeit ist Huppertz zufolge vor allem der langwierige Planungsprozess. "In Deutschland ist es in den Köpfen verankert, dass alles individuell erarbeitet werden muss. Straßen.NRW hat 30 Außenstellen. Da sitzen überall Menschen, die sich um Ausschreibungen und Planungen kümmern." Er wünscht sich deutlich weniger komplexe Ausschreibungsverfahren. "Für eine Ausschreibung würde es genügen, die Brücke funktional zu beschreiben: Wie breit soll die Straße sein? Wie soll der Fahrradweg gestaltet werden? Die konkrete Umsetzung könnte der ausführende Anbieter liefern." Die Kosten könnten nach erforderlichen Modulen kalkuliert werden. Laut Huppertz seien so die Preise viel besser abzuschätzen.
"Planungsbeschleunigung beginnt beim Menschen"
Wie können Kommunen ihre Prozesse effizient gestalten? Alana Voigt, Geschäftsführerin der Gütegemeinschaft Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltung, ist dafür Expertin. Die Gütegemeinschaft bietet Kommunen die Zertifizierung als mittelstandsfreundliche Verwaltung an. "Solch eine Zertifizierung ist ein Strukturverstärker für die Beschleunigung", sagte Voigt. Sie helfe den Kommunen, Standards für ihre Prozesse zu schaffen. "Standards schaffen Ordnung. Das führt zu weniger Rückfragen und mehr Zeit fürs Wesentliche", erklärte Voigt. Allein ein standardisierter Verlaufsplan könne Durchlaufzeiten um bis zu 25 Prozent reduzieren. "Planungsbeschleunigung entsteht durch viele kleine kluge Schritte in den Verwaltungen - und durch den Mut, wenn Menschen neue Werkzeuge ausprobieren."
Eines dieser neuen Werkzeuge ist derzeit die KI. Voigt betonte: "KI ersetzt nicht die Menschen in der Verwaltung. Aber sie kann ihnen Zeit geben und Verfahren beschleunigen." So helfe sie, Stellungnahmen auszuwerten oder die Plausibilität von Anträgen zu prüfen. "KI trifft keine Entscheidungen. Aber sie gibt den Mitarbeitenden Zeit, gute Entscheidungen zu treffen." Ihrer Erfahrung nach könne gute KI-Unterstützung Verfahren um bis zu 20 Prozent beschleunigen. Dennoch bleibe der Mensch wichtig: "KI kann viel, aber sie kann kein Vertrauen erzeugen." Und so gelte: "Planungsbeschleunigung beginnt beim Menschen in der Verwaltung: bei seiner Erfahrung, seinem Wissen – aber auch seiner Belastungsgrenze."
"Nicht ungefragt nach Problemen suchen"
Für einen pragmatischen Umgang bei Auftragsvergaben warb Norbert Zimmermann, Geschäftsführer Objektplanung bei Kempen Krause Ingenieure. Warum das so wichtig sei, erklärte er mit einem Beispiel: Seine Firma hatte die Vergabe der Brandsanierung einer Schule gewonnen. Kurze Zeit später wurde die Schule Opfer der Überflutung im Ahrtal. Zimmermann bot daraufhin der zuständigen Kommune an, die Sanierung der Flutschäden ebenfalls zu übernehmen und verwies auf das Ministerium. Dieses hatte in einem Erlass zu einem pragmatischen Umgang im Zusammenhang mit der Flut aufgerufen. Doch auf Zimmermanns Angebot antwortete der städtische Mitarbeiter: "Was kümmert mich der Erlass des Ministeriums? Ich muss mit meinem Rechnungsprüfungsamt klarkommen."
Kempen Krause erhielt schließlich den Zuschlag zur Sanierung der Flutschäden – aber mit anderthalb Jahren Verzögerung. "Aus dieser Erfahrung werbe ich dafür, nicht ungefragt nach Problemen zu suchen", sagte Zimmermann.
In eine ähnliche Richtung argumentierte Guido Müller, Geschäftsführer bei bft cognos. "Das Motiv bei der Bearbeitung von Baugenehmigungen ist es oft, auch das allerletzte Risiko ausschließen zu wollen", sagte Müller. Die Folge: Baugenehmigungen dauern häufig sehr lange. Müller ist sich bewusst, dass die Anforderungen sehr komplex sind, spezifisches Fachwissen erforderlich ist und die Genehmigung für die gesamte Standzeit des Gebäudes gelten müsse. Gerade deshalb ist es sein Wunsch an die Behörden, dass die Mitarbeiter hochqualifiziert sind, Anspruch auf umfassende Fortbildung haben und dass sie Experten und Sachverständige einbinden. Die Sachverständigen sollten auch umfassende Verantwortung übernehmen dürfen. Er plädierte dafür, dass die Behördenmitarbeiter nur für jene Teile der Genehmigung haftbar gemacht werden können, die sie auch prüfen sollten. Oft habe er den Eindruck, die Behördenmitarbeiter fühlten sich für die komplette Genehmigung haftbar.
"Wir wollen KI überall reinbringen"
"Mit KI die Verwaltung retten." Das verspricht Arne Schönmann, strategischer Projektleiter des KI-Vorhabens NRW.Genius. Da Daten in einer externen Cloud gespeichert werden und daher abfließen können, ist die Nutzung von KI in der Verwaltung rechtlich nicht erlaubt. Genau hier setzt das Angebot von NRW.Genius an. Diese künstliche Intelligenz wurde eigens für die Verwaltung programmiert und wird in einem Rechenzentrum von IT.NRW betrieben, so dass sie sicher innerhalb der Verwaltung genutzt werden kann.
NRW.Genius integriert KI-Services in bestehende Prozesse und ermöglicht so einen flächendeckenden Einsatz in der Verwaltung. Dieses soll Beschäftigte in Verwaltungen bei zeitraubenden Tätigkeiten mit Textdokumenten unterstützen und erste Erfahrungen mit generativer KI in Behörden sammeln. Mit Funktionen wie Textgenerierung und intelligenter Dokumentenrecherche werden generische Teilprozesse in der Verwaltung effizient unterstützt und Mitarbeitende entlastet.
"Wir wollen KI überall reinbringen", sagte Schönmann. Wie nötig das ist, zeigte ein Vergleich zwischen Europa und den USA. In den USA sind im Jahr 2024 109 Milliarden US-Dollar allein an privaten Geldern in KI investiert worden – in Europa lediglich 19 Milliarden Euro. Europa müsse dringend aufholen, um nicht abgehängt zu werden, sagte Schönmann. "KI wird in seiner Auswirkung total unterschätzt."
Die anschließende Diskussion stellte heraus: Nicht jede Kommune kann die Fachverfahren KI-ready machen. Das müsste durch eine zentrale Stelle für alle Kommunen erfolgen.
KI stärkt Bürgerbeteiligung
"Willkommen in der 3. Revolution." Mit diesem Satz eröffnete Dr. Stephan Wilforth, CEO von tetraeder, seinen Vortrag. Wilforth betreibt seit fast 30 Jahren Raumplanung online. In dieser Zeit wurde er Zeuge und Mitgestalter von drei Revolutionen:
1. Revolution (ab etwa 2000): Planungsunterlagen wurden über Online-Plattformen zur Verfügung gestellt. Die Information und Bürgerbeteiligung wurde so digital – und damit orts- und zeitunabhängig.
2. Revolution (ab circa 2010): Smartphones und Social Media machten Beteiligung mobiler. Die Beteiligung erfolgte mitten im Alltag. Der Nachteil nach Wilforths Erfahrung: Die Lese- und Aufmerksamkeitszeiten wurden geringer. Das führte zu Problemen beim Einsatz von KI. Denn sie kann nur unterstützen, wenn die Stellungnahme auch ein Mindestmaß an Qualität mitbringen.
3. Revolution (heute): KI kann das Niveau der Beteiligung heben. "Wir setzen bei Beteiligungen einen KI-Butler ein: Er erklärt das Verfahren, prüft die Verständlichkeit der Beiträge und verbessert sie, er unterstützt bei der Strukturierung der Argumente und reduziert die Gefahr von Fehlklassifikationen." Die Folge ist, dass die Bürger das Verfahren besser verstehen und strukturierter agieren. Die Verwaltung arbeite erkennbar schneller, Konflikte sinken und die Qualität steigt. Wilforth: "KI ist hier ein Hebel für echte Beschleunigung. Die Beteiligung wird nicht ersetzt, sie wird gestärkt. Und die Verfahren kommen schneller voran."
Der große Bruch im digitalen Planungsprozess
Wer Gebäude mit komplexen Anforderungen errichtet, muss den Überblick behalten. Tobias Bloemeke, Partner bei Carpus+Partner, ein Experte für komplexe Bauprojekte, setzt dabei auf BIM (Building information modeling): Alle Beteiligten planen interaktiv in 3 D. In einem digitalen Modell werden die verschiedenen Anforderungen zusammengeführt und Schritt für Schritt wird das zukünftige Gebäude virtuell sichtbar. Doch dann gibt es mitten in diesem Prozess einen großen Bruch: "Wenn wir die Genehmigung für unsere Planung beantragen, müssen wir kilometerweise Papier ausdrucken, lochen, heften und die Ordner stapelweise zum Bauamt bringen", berichtete Bloemeke.
"Unsere Vision wäre, dass wir die Möglichkeiten, die es technisch gibt, nutzen", sagte Bloemeke. "Ein intelligentes computergestütztes 3-D-Modell enthält so viele Informationen, dass die Behörde vielleicht gar nicht mehr prüfen muss, weil es im Modell einen Genehmigungsbot gibt, der ständig alles Geplante überprüft. Dann hätten wir die Genehmigungsverfahren tatsächlich beschleunigt."
Eine ähnliche Vision hat Timo Schröder, Gründer und Geschäftsführer von Rehub Forge. Das Unternehmen entwickelt AI-Software-Tools, die Projektentwickler und Architekten bei der Planung unterstützen. "Wir können bis zu 60 Prozent der Aufgaben von Architekten und Projektentwicklern automatisieren und können damit den Profit um mehr als 70 Prozent steigern", verspricht Schröder. So sei es möglich, mit der Software für ein Grundstück Bebauungsvarianten zu erstellen, welche Brandschutz, Abstandsflächen, energetische Aspekte etc. berücksichtigen. Per Knopfdruck lassen sich für jede Variante Kostenaufstellungen, Flächenparameter et cetera vergleichen. In einem nächsten Schritt könnte seine Software auch für repetitive Gebäude genutzt werden, incl. Montageplanung etc. Nur eins fehlt noch, wie Schröder erklärte: "Wir würden uns sehr freuen, wenn die Genehmigung in diesem System auch mitliefe. Das würde das Projekt als Ganzes enorm beschleunigen."
- Wollen das Rheinische Revier mit Schwung nach vorn bringen: Silke Hauser, IHK Mittlerer Niederrhein, Andreas Huppertz, nesseler bau GmbH, Martin Klingst, Initiative für einen handlungsfähigen Staat, Norbert Zimmerman, Kempen Krause Ingenieure GmbH, Dr. Stephan Wilforth, tetraeder.com GmbH, Tobias Bloemeke, Carpus+Partner AG, Regierungspräsident Thomas Schürmann, Bezirksregierung Düsseldorf, Moderator Bernd Steinbrecher, Stephan Muckel, Bürgermeister der Stadt Erkelenz, Michael F. Bayer, Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen, Marcell Breuer, Bürgermeister der Stadt Waldfeucht, Timo Schroeder, REHUB FORGE GmbH, Alana Voigt, Gütegemeinschaft Mittelstandsorientierte Kommunalverwaltungen e. V. und Guido Müller, BFT Sachverständige GmbH.
