Interview
Markus Lehrmann: Weniger Bürokratie – mehr Baukultur
Lange Planungs- und Genehmigungsverfahren treiben die Kosten in die Höhe und bremsen dringend benötigte Infrastrukturprojekte aus. Was sich ändern muss – und wo die größten Stellschrauben liegen, erklärt Markus Lehrmann, Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NRW.
Engagiert im Einsatz für mehr Tempo und mehr Baukultur: Markus Lehrmann, Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer NRW
Warum ist Planungsbeschleunigung ein wichtiges Thema für die Architektenkammer NRW?
Planen und Bauen dauert insgesamt zu lang. Wenn sich Planung und Bauen über mehrere Jahre erstrecken, werden die Baukosten nahezu unkalkulierbar. Die langen Zeiten für Planen und Bauen sind aber auch deshalb ein Problem, weil wir bei unserer Infrastruktur in einen Improvisations- und Notbetrieb übergegangen sind: Um Brücken zu entlasten, werden Fahrspuren reduziert, Bahnlinien sind wochenlang gesperrt. Wir brauchen dringend ein Programm Wiederaufbau West – gerade in NRW mit seiner Infrastruktur und seiner hohen Bevölkerungsdichte.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Der Lückenschluss der A 33 zwischen Bielefeld und Osnabrück hat sich über fast 60 Jahre Planungs- und Bauzeit erstreckt. So etwas können wir uns nicht leisten. Wenn es – wie bei einer Autobahn – ein übergeordnetes Interesse gibt, dann müssen wir schneller werden und auch auf die ein oder andere Prüfung verzichten. Unnötige Verzögerungen erleben wir oft beim Brückenneubau: Wenn am gleichen Standort eine alte Brücke durch eine bauähnliche neue ersetzt wird, müssen wir trotzdem ein Planfeststellungsverfahren durchlaufen. Das leuchtet nur schwer ein.
Wie könnte es besser laufen?
Die Talbrücke Rahmede auf der A45 nördlich von Lüdenscheid musste 2023 wegen irreparabler Schäden gesprengt werden. Das erste Teilbauwerk der neuen Brücke wurde bereits im Dezember 2025 für den Verkehr freigegeben. Im Herbst 2026 soll das zweite Teilbauwerk fertig sein. Das ist gelungen, weil man auf einige Prüfschritte verzichtet hat.
Was könnte sonst noch zur Beschleunigung beitragen?
Vorfabrikation. Wir sollten uns gut überlegen, ob wir nicht bei Standardbrücken immer denselben Typ bauen. Die Niederlande machen uns das vor. Sie haben einige wenige Brückentypen, dafür gibt es auch ein serielles Genehmigungsregime. Und in der Fabrikation profitieren wir von Skalierungseffekten und damit günstigeren Preisen. Auch das wäre im Sinne der öffentlichen Hand. In Deutschland ist so etwas komplexer umzusetzen, weil wir unterschiedliche Landschaften haben mit einem Wechsel von flachen Gegenden und Mittelgebirgen. Doch auch hier könnte man ortsangepasst Brücken seriell bauen.
Ist serielles Bauen im Interesse der Architekten? Unterm Strich verlören Sie doch dadurch Aufträge. Und Sie können weniger kreativ gestalten.
Für einen Architekten oder Architektin ist die Serie eine reizvolle Aufgabe. Insbesondere wenn sich ein guter Entwurf im Rahmen eines konkurrierenden Verfahrens durchgesetzt hat. Serielles Bauen ist eine Idee des Bauhauses, entstanden zur Behebung der Wohnungsnot in den 20er Jahren mit dem Ziel höchster architektonischer und städtebaulicher Qualität. Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz mit rund 2000 Wohnungen ist heute Weltkulturerbe. Außerdem werden wir immer auch Brücken benötigen, die individuell geplant werden. Gerade Brücken in Stadtnähe können für die Städte oft zu einer wichtigen Marke werden – wie z.B. die Rheinbrücken in Köln oder Düsseldorf.
Wie sehen Planungszeiten im Wohnungsbau aus?
Das ist sehr unterschiedlich. Wenn heutzutage eine Baugenehmigung für ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen in drei Monaten erteilt wird, ist das ein Rekord. In NRW dauert das in einer mittelgroßen Stadt meist mehr als ein Jahr.
Was bedeuten solche langen Zeiten in finanzieller Hinsicht?
Wenn Sie wissen, dass die Baugenehmigung mehr als ein Jahr dauert, müssen sie die höheren Kosten gleich mitkalkulieren. Da sprechen wir dann von Baukostensteigerungen von sechs bis zehn Prozent. Bei einem Mehrfamilienhaus, das heute beispielsweise 2 Millionen Euro kostet, müssen wir Steigerungen von 200.000 Euro einkalkulieren. Wenn wir dann über Projekte reden, denen eine politische Meinungsbildung vorausgeht – wie z.B. bei der Deutschen Oper am Rhein – wird das nahezu unkalkulierbar. Die fehlende Geschwindigkeit in der Planungs- und Genehmigungsphase ist Kostentreiber Nr. 1.
Was bedeuten lange Planungszeiten finanziell für Architekten. Verdienen Sie dadurch mehr?
Nein, das Honorar eines Architekten ist kein Zeithonorar. Honorar wird nach Leistung fällig. Je schneller er fertig wird, desto mehr verdient er. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb uns das Tempo wichtig ist. Je schneller wir planen können, umso eher wird der Kopf wieder frei für neue gute Ideen. Schnelligkeit trägt damit auf Dauer auch zu einem zeitgenössischem Erscheinungsbild unserer Städte bei. Städte brauchen Erneuerung, dauerhaft.
Woran hapert es konkret?
Das hat viele Gründe. Aus Bürokratie darf kein Bürokratismus wird. Das geschieht aber, wenn die überzogene Anwendung von Regeln dazu führt, dass uns Prozesse ausbremsen. Auch müssen wir fragen, ob wir alle Standards so brauchen. Wenn wir für Neubauten einfachere Standards ermöglichen, können wir schneller werden. Ich halte es auch nicht für sinnvoll, dass bei der Sanierung eines Altbaus eine Baugenehmigung wie für einen Neubau erforderlich ist. Keiner würde einen Oldtimer so sanieren, dass er dem heutigen Stand der Technik entspricht. Ein weiterer Hemmschuh ist die fehlende Digitalisierung. Wir brauchen dringend volldigitale Antragswege. Das Bauministerium hat hierfür hervorragende Vorschläge unterbreit, aber es fehlt Personal und am Geld, sie kurzfristig umzusetzen. Und wo das Digitale fehlt, steigt der Druck auf das Personal, weil der Computer keine Arbeit abnimmt.
Wie weit ist die Digitalisierung in den Bauämtern?
Das ist sehr unterschiedlich. Oft ist digitales Einreichen von Bauanträgen schon möglich – aber leider bedeutet das häufig nur, dass sie pdf-Dateien hochladen können. Es wäre viel besser, wenn wir zu modellbasierten Bauanträgen kämen. Dann hätten wir ein digitales Gebäudemodell, das alle Eigenschaften des Gebäudes enthält: Konstruktion, Effizienzstandard, Bauplanungsrecht etc. Dann ließe sich ganz vieles digital und automatisch prüfen. Der Mensch kommt dann nur noch ins Spiel, wenn das System Kollisionen mit den Vorgaben entdeckt. Wenn wir solch eine vollautomatische Prüfung haben, werden wir schnell. Die Bauverwaltung würde dann 24-7 arbeiten.
Kann es auch an den antragstellenden Architekten liegen, wenn sich Verfahren hinziehen?
Natürlich kann das sein. Wir kommen nur schnell durch das Verfahren, wenn die Antragsunterlagen vollständig und fachkundig erstellt sind. Der Architekt soll sich daher in die Genehmigungsbehörde versetzen und fragen: "Was brauchen die sonst noch?" Wenn etwas fehlt, liegt der Antrag auf Halde bis nachgeliefert wird. Wir haben als Architektenkammer NRW daher eine Kampagne gestartet: "Architektenschaft trifft Bauaufsicht". Wir organisieren Treffen zwischen Architekten und Behördenvertretern. Der Austausch hilft, ein Verständnis dafür zu entwickeln, was der andere benötigt. Ich halte das für eine vielversprechende Kampagne. Das Feedback, das wir bisher haben, ist positiv.
Es gibt seit Jahren Klagen über langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren. Warum ist dennoch so wenig passiert?
Ein Sprichwort sagt: "Wenn du den Tümpel austrocknen willst, darfst du den Frosch nicht fragen." Um zu beschleunigen, müssen wir auf Dinge verzichten. Das aber fällt uns schwerer als etwas Neues hinzuzufügen. Wer will schon sagen: "Das, was wir die letzten 20 Jahre gemacht haben, ist eigentlich unnötig." In Ostwestfalen-Lippe gab es vor 20 Jahren eine Modellregion für reduzierte Bürokratie. Hier hat man ausprobiert, worauf man verzichten kann. Das hat hervorragend funktioniert. In meinen Augen ist die Zeit reif, wieder über solche Projekte nachzudenken.
Was schätzen Sie: Wie viel Prozent der Planungsverzögerung, die Sie erleben, wären vermeidbar?
Das ist sehr schwer zu sagen. Wenn wir genügend Personal, weniger Regeln und funktionierende digitale Prozesse hätten, könnten wir nach meiner Schätzung viele Anträge in der Hälfte der Zeit genehmigen – ohne Verlust von Qualität oder ästhetischem baukulturellem Wert. Architekten und Planerinnen wollen ansprechende hochwertige Lebensräume schaffen. Mehr Geschwindigkeit könnte uns dabei sogar helfen.
